Euro 2020 - Leidenschaft, heisst Leidenschaft weil sie so viel Leiden schafft…

Fussball- und Fan-Kultur ist eben auch Kultur!

Immer wenn ein grosser Fussballturnier (EM oder WM) ansteht, kommen aus dem Schweizer Umkreis die gleichen Fragen. «Und?? Für wen fanst Du jetzt?» oder «Bist Du für die Schweiz oder für Italien?»

Ich bin als Sohn eines Fremdarbeiters und einer Schweizerin 1971 kurz nach der Initiative «Schwarzenbach» in der Schweiz geboren und hier aufgewachsen. Mittlerweilen besitze ich als Eingebürgerter beide Pässe und somit beherrsche ich das «Doppel-Pass»-Spiel perfekt. Obwohl ich in der Schweiz immer «der Italiener» bin und in Italien immer als «lo Svizzero» gelte – habe ich aus dieser Not eine Tugend gemacht und flechte diese Missverständnisse und Differenzen aus den Alltagsgeschichten immer in meine Bühnenprogramme. Sehr rasch habe ich mir angewöhnt, aus beiden Kulturkreisen das Beste für mich rauszupicken und von beiden Seiten zu profitieren. In der Zwischenzeit kann ich sagen, dass ich wohl einer der «pünklichsten Italiener» und einer der «improvisationsfreudigsten Schweizer» bin.

Beim Fussball ist es also eine simple Sache. Spiel die Schwiizer Nati, dann bin ich als passionierter Fussballfan an der Seite der rot-weissen Multikulti Mannschaft. Ich fiebere mit, drücke die Daumen und lasse mein ganzes Emotionssprektrum einfliessen – von himmelhochjauchzend beim Sieg bis zu Tode betrübt, bei einer unnötigen Niederlage. Wenn die Squadra Azzurra spielt, dann schlägt mein Herz ganz klar für «i ragazzi»!

Sollten die beiden Teams aufeinandertreffen, wie es an der Euro 2020 im Jahr 2021 der Fall ist, dann bin ich ganz der Meinung, dass das bessere Team gewinnen sollte… Viele fragen dann, ist das nicht etwas Schizophren? Nein ist es nicht! Im Prinzip eine simple Sache ohne grosses Tam-Tam.

Fan-Kultur sollte doch so sein, dass man ein Team unterstützen kann oder will. Was mich aber als Secondo irritiert, ist die Tatsache, dass viele Schweizer Fussballfans einerseits die «Schwiizer-Nati» bedingungslos unterstützen und viele nebenbei noch für alle Gegner der Deutschen Adler oder der Squadra Azzurra «fanen».

Kaum spielt Deutschland oder Italien gegen ein anderes Land, sind diese automatisch für den Gegner… Warum eigentlich? Wenn man für sein eigenes Land – seine Heimat – seine Mannschaft «fant», wie kann man dann auch noch aus purem Prinzip für Gegner von anderen Ländern Partei nehmen. Zumal man sich als Nation die Neutralität gross auf die Fahne geschrieben hat. Ich mache ein konkretes Beispiel: 2008 Fussball Euro in der Schweiz und Österreich – Italien spielt im Achtelsfinal gegen Rumänien. Ich gehe an ein Public Viewing in meiner Gemeinde und da hat es viele Schweizer mit Rumänien Trikots und Rumänien Flaggen oder auch ohne, die wirklich mit Herzblut Partei für das Osteuropäische Land Partei nehmen und lautstark ihre Sympathien für «Romania» herausposaunen… Befremdet frage ich den einen oder anderen, welchen Bezug er den zu Rumänien hat oder warum er für die Rumänen Partei ergreift… Die «neutrale» Antwort erstaunt mich ausserordentlich – die Rumänen spielen gegen die Italien… «WAAAAS???» Ich soll Schizzo sein, weil ich zwischen zwei Kulturen aufgewachsen bin und sowohl meine alte und neue Heimat unterstütze? Die Pseudofans waren noch niemals in Rumänien, haben keinen Bezug zu diesem Land und kennen kein einziges rumänisches Restaurant und «fanen» nur für die Osteuropäer, weil sie gegen unsere «Squadra Azzurra» spielen???

 

Gottseidank gibt es im 2021 keine offiziellen und grossen Public Viewings – ich lebe dann meine Leidenschaft zu Hause in der Grossfamilie aus und muss mich nicht unnötig ärgern. Leidenschaft heisst nun mal Leidenschaft, weil sie oft auch Leiden schafft…